Heute vor einem Jahr haben wir – Frauen, Lesben, inter, nichtbinäre und trans Personen (FLINT*) der Gruppe *aze – wie viele andere Betroffene, von sexualisierter Gewalt in unserem unmittelbaren Umfeld erfahren. Sexualisierte Gewalt an uns selbst. Der Täter ist ein Cis-Mann, von dem wir dachten, er sei unser Genosse, der ein linkes Festival mitorganisiert hat und jahrelang in unseren Strukturen eingebunden war. Er hat uns auf diesem Festival, Monis Rache, heimlich auf Dixi-Klos gefilmt und diese Videos über das Streamingportal xHamster online angeboten, sie getauscht und verkauft. Keine der gefilmten Personen wusste davon.

Viele von uns haben von dieser Gewalt durch eine Dokumentation erfahren, die in den Sozialen Medien kursierte. Uns wurde nicht in einem ruhigen Moment erzählt, was passiert war. Der Täter hat nicht selbst Verantwortung für das übernommen, was passiert war. Wir haben unvorbereitet und plötzlich davon erfahren, durch ein reißerisches Youtube-Format, in dem die Suche nach versteckten Kameras wie eine spielerische Schnitzeljagd dargestellt wird und der Täter selbst zu Sprache kommt. Und seine Gewalt kleinredet.

In den Tagen und Wochen nach der Veröffentlichung dieser Dokumentation war in unseren Leben plötzlich vieles auf den Kopf gestellt. Viele von uns waren geschockt und überfordert. Wir haben uns viele Fragen gestellt und ausgetauscht, um gemeinsam Antworten zu finden. Wie gehen wir damit um, dass wir nie wieder sicher ausschließen können, dass sich irgendwo auf der Welt gerade jemand unseren nackten Körper anschaut – noch dazu beim Pinkeln, Kacken oder Tamponwechseln? Da war so viel Angst, Verunsicherung und Scham, so eine große Ohnmacht angesichts dieses Kontrollverlustes über unseren eigenen Körper, unsere eigene nackte Verletzlichkeit. Wir wurden von außen gewaltvoll sexualisiert und zum Objekt der Lust irgendwelcher Menschen auf dieser Welt gemacht. Ohne, dass wir das wollten. Ohne, dass wir es wussten.

Da war plötzlich ein Misstrauen und eine Paranoia. Wie sollen wir wieder ausgelassen und fröhlich auf ein Festival fahren? Wie sollen wir wieder vertrauen lernen? Es gibt ohnehin so verdammt wenige Räume, in denen wir uns wohlfühlen – wie sollen wir dort wieder dieses Gefühl von ein klein wenig mehr Geborgenheit und Sicherheit aufbauen? Ein Misstrauen in unserem unmittelbaren Umfeld, in dem wir uns sicher fühlen wollen, in unserer Politgruppe, in unserer WG, in unserer Lieblingskneipe, in unseren Freund:innenkreisen. Überall zu spüren, dass wir wirklich nirgends sicher sind, nirgends aufatmen, nirgends entspannen und feiern können. Das tut verdammt weh und schränkt uns ein.

Sexismus und sexualisierte Gewalt gehören als FLINT* zu unserem Alltag, seit wir denken können. Wir spüren die Blicke von Cis-Männern auf der Straße. Wir kennen das Gefühl, wenn unsere Körper gegen unseren Willen bewertet werden. Wir teilen die Erfahrung, objektiviert und sexualisiert zu werden. Schon in der Kindheit wurde uns gesagt, wie wir uns zu verhalten haben. Dass wir zu gefallen haben und gehorchen sollen. Und dass wir uns gleichzeitig vor Übergriffen schützen müssen. Es ist die Gewalterfahrung, die Erfahrung verletzbar zu sein und verletzt zu werden, die uns überall auf der Welt verbindet. Immer wieder erleben wir in unserem Umfeld, dass sexualisierte Gewalt verharmlost wird und wir selbst Unterstützung organisieren müssen.

Das war nicht der erste Fall, sondern ein Beispiel von vielen. Und es sollte auch nicht der einzige Fall von sexualisierter Gewalt in unserem Umfeld bleiben, die 2020 bekannt wurden.

Was ist seitdem passiert? In den vergangenen Wochen haben viele Betroffene, die Anzeige gegen den Täter erstattet haben, die Nachricht erhalten, dass die staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen ihn vorläufig eingestellt werden, da sein Aufenthaltsort unbekannt sei. Plattformen wie xHamster sind nach wie vor Räume, in denen Gewalt normalisiert wird und nicht konsensuelle Handlungen als „Porno“ getarnt und vermarktet werden. Vor einigen Wochen hat der Täter einen offenen Brief veröffentlicht. Wir haben wenig von diesem Brief erwartet, und dennoch hat er es geschafft, unsere Erwartungen erneut zu unterbieten. Er zeigt vor allem, dass er nach wie vor um sich selbst kreist. Konkrete Antworten darauf, warum die Anzeigen im Nichts verlaufen, welches Wissen es über andere Täter* und Strukturen gibt und was mit den hohen Geldsummen passiert ist, die er mit dem Verkauf der Videos gemacht hat, gibt es nicht.

Der 07.01.2020 war mit der Veröffentlichung der Doku der Anfang eines langen Jahres voller Sexismus, voller Angst und Scham – und auch voller Kraft, Wut und Solidarität.

In den Wochen nach der Veröffentlichung der Dokumentation haben sich in Hamburg, Leipzig, Dresden, Berlin und vielen anderen Städten Betroffene vernetzt, getroffen und ausgetauscht. Es gab an vielen Orten Kundgebungen und Demonstrationen. In Berlin haben wir am 14. Februar mit rund 2.000 Feminist:innen demonstriert. Wir haben uns zusammengeschlossen und unserer Wut und Trauer Raum gegeben. Wir haben laut in die Nacht gebrüllt und uns den Raum auf der Straße zurückgenommen, zu einer Zeit, zu der uns das Patriarchat sagt, dass wir lieber ängstlich zuhause sein sollen. We took back the night, we took back the streets!

Dieses Jahr hat uns in der globalen Krise der Pandemie besonders schmerzlich gezeigt, dass sexualisierte Gewalt überall präsent ist und uns trifft, im Öffentlichen wie im Privaten. Der Kampf um unsere Selbstbestimmung und Sicherheit, um die Wiedergewinnung unserer Sexualität und unseren eigenen Körper kostet viel Kraft und Stärke. Viele von uns kämpfen jeden Tag dafür, für unser Überleben und für das gute Leben für alle. Und wir werden weiter dafür kämpfen: Kein Mensch soll sexualisierte Gewalt erleben. Wir werden uns nicht aus öffentlichen Räumen zurückziehen, sondern wir wollen, dass sie sich verändern, damit wir uns wohl fühlen können. Wir wollen, dass das Zuhause für alle Menschen ein sicherer Ort ist. Alle Menschen sollen selbst bestimmen können, ob sie mit dem eigenen Körper oder erotischen Dienstleistungen Geld verdienen wollen. Alle Menschen sollen selbst bestimmen, ob und mit wem sie Sex haben möchten.

Überall auf der Welt erheben sich Frauen, Lesben, Queers, inter, trans und nichtbinäre Personen. Überall auf der Welt schließen wir FLINT*s uns zusammen: gegen die Gewalt, der wir alle ausgesetzt sind. In unserem Schmerz liegt eine Stärke, die sich nicht unterkriegen lässt, und die uns durch dieses Jahr getragen hat. Aus unserer Verletzung wurde Wut, aus unserer Angst Solidarität. My body is not your porn!

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