Der folgende Text ist Teil unseres Dossiers zu internationalen Perspektiven und Solidarität in der Corona-Krise.

Statement von Silvia (Rigali/Mailand/Italien)

Ich heiße Silvia, bin 29 Jahre alt und lebe normalerweise in Mailand, wo ich im Publikations- und Kommunikationsbereich arbeite. Ich sage betont “normalerweise”, weil mein Leben im Moment tatsächlich kein bisschen normal ist: Ich bin im Haus meiner Mutter auf dem Land, wo ich herkomme, und verbringe den ganzen Tag allein oder mit ihr; ich gehe spazieren; ich male; ich schreibe; ich telefoniere manchmal mit Freund*innen; ich versuche gesunde Sachen zu kochen – aber ohne Arbeit, ohne sozialen Druck, keine/r* fragt mich “Was hast du als nächstes vor? Was sind deine langfristigen Projekte?” Ja, das ist sicherlich kein normales Leben, wie wir es kannten, aber ich bin mir auch nicht sicher, ob ich, wenn der Ausnahmezustand vorbei ist, einfach wieder zu meiner Routine zurückkehren möchte, inklusive meiner Sorgen über den Job, die Bezahlung usw. Das ist kein normales Leben, bestimmt nicht, aber auch die Art von Leben, die wir vorher, im Rahmen unserer turbokapitalistischen Zeit ausprobiert haben, war überhaupt nicht normal. Davor sollten wir nicht die Augen verschließen.

Dementsprechend habe ich gemischte Gefühle angesichts der jetzigen Situation, aber jedenfalls bin ich für meine Privilegien dankbar: eine geräumige Wohnung mit einem schönen Hof und freie Wahl, was meine Freizeit angeht. Von meiner persönlichen Situation abgesehen bin ich aber keineswegs beruhigt oder gelassen, wenn ich die geopolitische oder gesundheitliche Lage in meinem Leben und auf der ganzen Welt betrachte. Ich fühle sehr stark den Kontrast zwischen meiner privilegierten und geschützten Situation und den erschreckenden Nachrichten, die mich von der Außenwelt erreichen.

Seit dem Beginn der Krise haben einige politische Kommentator*innen geäußert, dass dieser Ausnahmezustand eine Art ungewollter, aber effektiver Lakmustest für die italienische Politik ist, Das könnte auch für andere Länder stimmen. Aber ich glaube, es trifft vor allem in einem Punkt besonders auf Italien zu. Tatsächlich funktionieren Existenz und Verbreitung des Virus in diesem Sinne wie ein Beschleuniger: Die Deformationen, die Widersprüche und Ungerechtigkeiten waren alle schon vorher da, aber wir alle sehen sie nun wegen des Virus (ich will nicht sagen “dank des Virus”). Mit der globalen Rezession seit 2008 beschleunigt der Virus nur den Zustand der Schande in dem wir uns schon länger befinden. Die Covid-19-Pandemie ist wirklich ein Lakmustest für die gegenwärtige Politik und irgendwie wage ich angesichts der verschiedenen Worst-Case-Szenarien (“Was wäre. wenn Salvini Premierminister wäre?” zum Beispiel) und die Tatsache, dass die Bedingungen so chaotisch und unvorhersehbar sind, eine optimistsche Einschätzung der politischen Maßnahmen wagen, abgesehen davon, dass unsere Verantwortlichen früher und besser hätten handeln können.

Und doch reichen die in Aussicht gestellten Hilfen nicht aus, um auf diese für viele so ernsten Lage der Unsicherheit zu reagieren. Wenn wir bedenken, dass laut OECD 27% der italienischen Bürger*innen unter die Armutsgrenze rutschen, wenn sie drei Monatslöhne verlieren, müsste eine radikale und linke Agenda die Bereitstellung von Hilfen eines Quarantäne-Grundeinkommens durchsetzen, die denen ein Weitermachen garantiert, die gezwungen wurden, ihre Aktivitäten einzustellen (z.B. alle mit VAT-Nummer Tätigen); und die Kompensation der Ausfälle durch Arbeitsunterbrechungen mit 80 Prozent des aktuell bezogenen Gehalts.

Auch wenn meine Meinung als konventionell betrachtet werden könnte, glaube ich dennoch daran, dass Organisieren und Mobilisieren die „guten alten Praktiken“ sind, die uns helfen, durchzukommen und unsere Rechte durchzusetzen. Mehr denn je müssen wir daran glauben, dass wir nur gemeinsam stark sind.

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My name is Silvia, I’m 29 y/o and normally I live in Milan and work in the publishing & communication field. I say and underline ‘normally’ because, as a matter of fact, my current life is not normal at all: I’m in my mother’s house in the rural area where I come from, I spend the day all by myself or with her; I walk; I paint; I write; I frequently talk on the phone with my friends; I try to cook healthish recipes – but no work, no social pressure, no one asking “What do you do want to do next? Which are your projects on the long-term?”. Yes, this is certainly not a normal life as we knew it and still I’m not so sure that, once the emergency is over, I will be completely happy to go back to my routine filled with worries about job, salary, and so on. This is not a normal life, I do agree, but also the kind of lives we were experiencing within the frame of our tardocapitalist period was not normal at all – let’s face it.

So, mixed feelings about the current situation but in a nutshell I appreciate my privileges – a spacious apartment with a nice courtyard, and the full control over my spare time. Moving beyond my personal perspective, I don’t feel neither calm nor serene by observing the geopolitical and sanitary situation in my country and around the world. I feel very harshly the distance between my privileged and protected situation and the terrifying news coming from the outside world.

Since the very beginning of the crisis, some political columnist adfirmed that this emergency is a sort of unwanted but still effective litmus test for Italian politics. It may be true also in other country. But I believe it is specifically on point for Italy In fact, the existence and spreading of the virus operates like an acceleration vector in this sense: the deformations, contradictions and injustices were already there, but we are all seeing them because of the virus (if not to dare saying “thanks to the virus”). With the global recession going on since 2008, the virus cannot do anything but accelerate the state of disgrace in which we are. Covid-19 epidemic is truly a litmus test for nowadays politics and, somehow, with different worst-case scenarios (“What would have happened if Salvini was prime minister?” is an example) and the conditions being so chaotic and unpredictable, I have deliberated to be optimistic about the political measures despite it is undeniable that our governors could have coped faster and better with the matter.

And still the funds allocated are not sufficient to face this serious period of uncertainty for the most. If we consider that, according to OECD, 27% of Italian citizens would be below the poverty treshold if they lost 3 months‘ salary, a radical and leftist agenda would include the establishment of a fund for a Quarantine basic income that guarantees continuity to those who have been forced to stop the activity (i.e. professionals with VAT number); the restoration of the layoff by integrating 80% of the salary actually received.

As far as my opinion may be regarded as conventional, I tend to believe that organising and mobilizing are the “old but gold” good practices that could help us get through and claim our rights. More than never, we have to think that we are stronger together.

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